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narratives begehren usw.

donald p. spence - die sherlock-holmes-tradition: die narrative metapher in metaphernanalyse v. m.b.buchholz (hg); vandenhoeck&ruprecht; göttingen 1993

wäre die natur ein buch, könnten wir durchaus lernen, darin zu lesen. Die bedeutungsmuster und zusammenhänge warten dann nur darauf, entdeckt zu werden, auch wenn sie nicht unmittelbar sichtbar sind. Die suche nach der wahrheit besteht dann nur in der frage, ob man die richtigen zusammenhänge herausgefunden hat.

"die einzige mögliche lösung"... ist der erste hinweis darauf, daß wir es eher mit einer erzählung denn mit einem faktenbericht zu tun haben. Wo eine ansammlung zusammengetragener fakten in der regel für eine vielzahl von interpretationen offen bleibt, .., ist eine erzählung nur dann gelungen wenn alles zusammenpaßt und keine andere erklärung zuläßt.

Die sherlock-holmes-tradition hat keine kontroversen-tradition, kein interesse an alternativen erklärungsmöglichkeiten, denn die erzählung ist erheblich weniger beeindruckend, wenn es mehr als ein finale geben kann. Mittlerweile ist die einzig mögliche lösung zu einem festen bestandteil unserer klinischen tradition geworden; ... die abschließende feststellung scheint stets unausweichlich vom klinischen material diktiert zu werden.

Zweitens soll festgehalten werden, daß die fakten in der sherlock-holms-tradition immer unter positivistischen vorzeichen betrachtet werden; stets ist der beobachter vom untersuchten objekt getrennt. Fakten sind erkennbare teile der wirklichkeit >dort draußen<, die sich in größe,gestalt, geruch und anderem unterscheiden und uns unweigerlich in die eine oder andere richtung leiten. Die metapher des vergrößerungsglases macht uns blind für eine hermeneutische perspektive. Viele der sogenannten >fakten< werden erst von uns geschaffen; sie existieren nicht, bis wir uns entscheiden, die klinische begegnung auf eine bestimmte weise zu sehen und zu hören, und aus einer anderen perspektive als der des behandelnden therapeuten können sie leicht falsch verstanden werden.

Drittens kommen wir zur >plausibilität per autorität<, die viel damit zu tun hat, daß die beweise in der regel unvollständig bleiben; ... folgen wir... bereitwillig den abenteuerlichsten schlußfolgerungen, schütteln vielleicht noch gelegentlich den kopf über fehlende glieder in der beweiskette, brennen aber allzusehr darauf, mit der geschichte mitzukommen. Dieses erzählgenre bedient sich eindeutig der tradition des bewußten zurückhaltens von informationen...

Im banne der sherlock-holmes-tradition sind wir stets versucht, bruchstückhafte daten und partielles verständnis zu einer fortlaufenden geschichte auszuspinnen, die ausgewogen, strukturiert und wohldosiert mit handlung versehen ist. Eine solche geschichte wird allsbald zu einem befriedigenden ästhetischen erlebnis...

Nun erhebt sich jedoch die frage, ob das material weiter geglättet worden ist, um der erwartung nach einer bruchlosen geschichte mit dem einzig möglichen ausgang rechnung zu tragen. Wenn das zutrifft sind fallberichte als dichtung zu klassifizieren, sofern man dichtung als durch fiktion ausgeschmückte wirklichkeit und wahrheit versteht, deren sinn es ist, den leser zu erfreuen und zu rühren. Welcher art sind diese freuden? Erstens findet man befriedigung darin, für ein kompliziertes problem zu einer logischen und kohärenten lösung zu kommen, wobei ein zusätzliches vergnügen darin besteht, daß uns die lösung vertraut anmutet..... die narrative konstruktion, eine undeutliche mixtur aus fakten und fiktionen, wird als tatsache genommen und daher als beweis, der die (zugrundegelegte) theorie stützt. Zweitens hat der leser das vergnügen, zu privaten lebensbereichen und intimen gedanken anderer zugang zu bekommen...... Drittens werden dem leser die üblichen freuden zuteil, die man hat, wenn jemand beginnt, eine geschichte zu erzählen."überlaß dich ganz mir", sagt der erzähler," und ich werde dich weit forttragen, an orte, die du nie gesehen hast, und dir dinge zeigen, die du sonst nie glauben würdest.".

Da wäre als erst die authentizitäts-falle. Die fallgeschichte wird als glaubwürdiger bericht eines tatsächlichen geschehens präsentiert, der autor ist eine reale person mit anerkannten und nachprüfbaren qualifikationen, das heißt, der bericht ist so gestaltet, daß er respekt gebietet. Das nächste wäre auf seiten des lesers das bedürfnis, die geschichte zu lesen und den schluß zu erfahren - was brooks das narrative begehren nennen würde.. das dritte wäre die versuchung, der autorität nachzugeben und dem vertraulichen bericht einen größeren wahrheitsgehalt zuzuschreiben, als diesem vielleicht zukommt.

Ist das vorwärtsstrebende moment der erzählung erst einmal wirksam, so lesen wir mehr horizontal als vertikal, das heißt: wir streben vorwärts, um den ausgang der geschichte zu erfahren; wir schauen auch auf ihren anfang zurück, aber weit weniger interessiert uns dabei, worum es eigentlich geht. Das, worüber gesprochen wird - der gegenstand der geschichte - verblaßt vor der geschichte selbst

Die annehmlichkeiten des lesens rangieren schließlich weit vor den unannehmlichkeiten der kritik.

Lebensgeschichten schnurren zu kurzgeschichten zusammen und so wächst das risiko, einzelheiten, die zum kurztitel des falles nicht passen würden, zu bagatellisieren.

Narrative glättungen können selbstverständlich sowohl bei wahren als auch bei falschen berichten vorgenommen werden und sagen nur etwas über die kunst, kreativität und rhetorische geschicklichtkeit des autors aus.... gehen wir alleine von der narrativen passung aus, haben wir keine möglichkeit, fundamentale fälle von ursachen und wirkung von eher phantastischen interpretationen zu unterscheiden.

Die art der erklärung, die maßgeblich von der erzählerischen suggestion lebt, kopiert - aus verschiedenen gründen - die klinische deutung. Letztere behauptet aber im allgemeinen etwas, was wahr sein könnte, aber nicht unbedingt wahr sein muß. Sie präsentiert uns gründe, die nicht notwenigerweise ursachen sind und bietet kaum alternative erklärungen an.


sprache und wirklichkeiten - aus der f.mauthner-gesellschaft

"Die Grammatik ist autonom und keiner Wirklichkeit verantwortlich." - FRIEDRICH WAISMANN

Laurent Verycken

F o r m e n   d e r   W i r k l i c h k e i t

Sprache

Das Verstaendnis des Phaenomens Sprache ist entscheidend fuer das Verstaendnis der Wirklichkeit. Das Verhaeltnis des Begriffs zur sinnlichen Anschauung ist dabei das 'Koenigsproblem' des Denkens. Aufbau der Wirklichkeit aus 'festen' Elementen ist Bedingung fuer ihre Beschreibbarkeit. Waere es anders - wuerden sich also in den Tatsachen keine konstanten, immer wiederkehrenden Elemente finden lassen - wuerde die Moeglichkeit des Ausdrueckens und Beschreibens aufhoeren. In der Abstraktion haben wir aber ein Prinzip, das wir auf viele Vorgaenge anwenden koennen, ohne fuer jeden Vorgang eine eigene Methode bereitstellen zu muessen. Sprache und Logik sind im Grunde nichts anderes, als denkoekonomische Prinzipien. Jeder sprachliche Ausdruck ist eine Generalisierung, deren Zweck es ist, fuer moeglichst viele Dinge zuzutreffen.

Das Prinzip der Abstraktion ist die Analogie. Jedes Wort ist in jeder Bedeutung durch die Beobachtung von Aehnlichkeiten entstanden. Verallgemeinern heisst strukturieren, um zu ordnen. In der gewoehnlichen Auffassung wird stets das Bekannte auf das Unbekannte uebertragen, damit es sich in die Reihe der gewohnten Ueberlegungen einreihen laesst. Wir geben sich haeufig wiederholenden Situationen den gleichen Namen, um das Geschehen zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Wer ordnet, fuegt aehnliches zu aehnlichem. Die Abstraktion ist deshalb das Ordnungsprinzip schlechthin. Alles Denken ist im Prinzip nichts, als die Verbindung von Namen durch das Woertchen 'ist'. Das Pferd ist ein Saeugetier. Dieses 'ist' ist im Grunde gleichbedeutend mit dem mathematischen = Zeichen. Wir nennen verschiedene Dinge einfach deshalb beim selben Namen, weil diese Dinge einander aehnlich sind; es ist nichts Identisches in ihnen vorhanden. Eine Moeglichkeit reine Entitaeten zu identifizieren gibt es nicht.

Die Kategorie ist die 'Form', der sich die Empfindung fuegt, die aber selbst nicht direkt aus der Empfindung kommt. Keine unserer Vorstellungen geht unmittelbar auf den Gegenstand. Jede Vorstellung ist vermittelt. Den geheimnisvollen Vorgang, bei dem eine Empfindung zum Wort wird, nennen wir Abstraktion. Was aber durch Abstrahierung passiert, ist nicht etwa exakte Beschreibung, sondern allenfalls das Weglassen 'unwesentlicher' Merkmale und eine Beschraenkung auf 'relevante' Kriterien. Kategorien sind die Formen des Verstandes und Hilfsvorstellungen, durch welche sich das Denken sein Geschaeft, d.h. die Berechnung der Wirklichkeit erleichtert. Wer denkt und spricht, objektiviert seine Empfindungen, d.h. er verallgemeinert sie soweit, bis sie' verstanden' werden koennen.

Ohne Allgemeines ist eine Vermittlung des Individuellen nicht denkbar. Wer Begriffe gebraucht, fasst eine grosse Anzahl augenscheinlich uebereinstimmender Dinge in die gleiche Form, um sie bequemer greifen zu koennen. Einmal gemachte Empfindungen werden als Verallgemeinerungen registriert und abgestellt, damit sie jederzeit auf Abruf verfuegbar sind. Mittels Abstraktion wird versucht, das eigentlich Gewesene mit dem wesentlich Gewesenen zur Deckung zu bringen. Alle Abstraktion besteht im blossen wegdenken. 'Abstraktion' heisst "Abziehung". Keine Sprache drueckt Sachen aus, sondern nur Namen; auch keine menschliche Vernunft also erkennt Sachen, sondern sie hat nur Merkmale von ihnen, die sie mit Worten bezeichnet.(1)

Der Definitionsprozess ist die Festsetzung genereller Merkmale, der Gegenstand das 'definitum'. Der definierte Begriff ist aber etwas, das ausschliesslich in unseren Koepfen existiert. Jedes 'Ding', das wir feststellen, ist nur ein ersehnter Ruhepunkt fuer unser Denken. Die Unruhe wird Ordnung, eben dadurch, dass sie Gegenstand wird.(2)Aus Unbestimmtem wird Berechenbares. Denn wo keine Gestalt, da ist auch keine Ordnung.(3) Ordnen wollen wir die Natur, um in ihr nicht unterzugehen; aber Ordnung ist nicht wirklich, Ordnung ist eine Sehnsucht der menschlichen Sprache.(4) Jede Ordnung ist kategorial. Alle Abstraktionen sind Prototypen, die einer logischen Ordnung dienen. In der Wirklichkeit selbst gibt es keine Abstraktionen wie die der Sprache. Individuelle Lebendigkeit gehorcht nicht dem toten Begriff. Jede Ordnung ist eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck.

"Ordnung ist eine Konstellation von Zeichen. Es gibt (aber) keine Ordnung schlechthin, sondern nur eine Vielfalt nebeneinander bestehender Zweckkonstellationen, die alle auf letztlich unbeweisbare und unwiderlegbare Prinzipien gruenden, die ihre eigenen Deutungen erfordern."(5)

Es gibt nicht 'die' Ordnung ansich, sondern viele Ordnungen. Gerade deshalb, weil ein Zeichen beliebig ist, gibt es fuer dasselbe kein anderes Gesetz, als das der ueberlieferung und Vereinbarung. Allgemeinbegriffe sind allgemeine Prinzipien, 'nuetzlich' zum Ausrechnen der Welt, nichts weiter. Sie sind bequem, alles, was wir beobachten, laesst sich subsumieren.Die Wortwahrheit macht aus den Worten einen genauen Ersatz fuer die Wirklichkeit. Dies ist eine sehr grosse Annehmlichkeit.(6)Im Wort ist das Gefuehl zu einer Struktur erstarrt, die ueber den Moment hinausreicht. Die zeitlich verfliessende Wirklichkeit wird angehalten und konserviert. Die Bestaendigkeit der Sprache besteht darin, dass sie im Grunde von der Gegenwart unabhaengig ist. Diese Zweckmaessigkeit ist das Geheimnis der Buchstabenkombinationen. Der 'hiatus irrationalis' zwischen Begriff und Wirklichkeit aber laesst sich nie voellig aufloesen. Begriffe sind blosse Kopien unserer Impressionen. Alles Wissen ist gegenstaendlich und wird es immer bleiben. Das Denken geht linear vor, aber die Wirklichkeit nicht. Jede kuenstliche Vereinheitlichung bedeutet deshalb eine Entfremdung von der wirklichen Existenz. Abstraktion ist nur Fiktion.(7)

Die Abstraktion ist ein kuenstlich geschaffener Einteilungsbegriff, der den 'Wissenschaftlern' als denktechnisches Mittel dient, um Empfindungen unter Dach und Fach zu bringen. Jeder Begriff ist gleichbedeutend mit einer ganzen Reihe entsprechender Operationen. In der Abstraktion werden die kompliziertesten Beziehungen abgekuerzt durch ein Wort ausgedrueckt; ganze Saetze werden in einem Wort zusammengefasst. Die Fingerbewegungen beim Stricken z.B. sind zu kompliziert, als dass wir sie ohne das Zweckwort 'stricken' auffassen koennten. Die Beschreibung wuerde letztlich in einem 'so' und 'so', in einem Zeigen enden. Und Ideen koennen einfach und komplex sein. Die Idee 'weiss' z.B. ist einfacher Natur und nicht weiter rueckfuehrbar. Die Idee 'Schwan' dagegen enthaelt mehrere Bestandteile: weisse Farbe, langer Hals, schwarze Fuesse etc. Die Idee 'Schwan' ist eine zusammengesetzte, komplexe. Begriffe wie 'Sarg' oder 'Gras' repraesentieren eine Fuelle von Merkmalen wie Groesse, Haerte, Schwere Oberflaechenbeschaffenheit oder Zweckdienlichkeit etc.

Woerter sind deshalb genaugenommen ganze Theorien, die sehr komplizierte Zusammenhaenge auf einen Nenner bringen. Frege nannte einmal den Satz einen zusammengesetzten Namen.

"Nicht nur Ausdruecke wie 'Gerechtigkeit' und 'ausgleichende Gerechtigkeit' sind Namen, sondern auch so ein komplexer Ausdruck wie 'Die Moeglichkeit einer Definition des Kunstwerks durch verschiedenartige Beispiele und deren nachtraegliche Kennzeichnung' ist ein Name."(8)

Alle Begriffe sind im Grunde theoretische Begriffe. Ganze Theorien verstecken sich hinter einem Wort. Unsere Sprache ist von Theorien foermlich durchsetzt.' Wille, Gefuehl, Verstand, Phantasie '- alles blosse Sammelnamen. Wir koennten genauso von der Theorie des Willens, der Theorie des Gefuehls, der Theorie vom Verstand etc. sprechen.

Wir lernen die Sprache im praktischen Gebrauch. Keine Sprache kann logisch erlernt werden, weil sie nicht logisch ist. Erlernt wird immer nur der Sprachgebrauch. Die Sprache ist ein Verbrauchsgut und eine Ware, wobei der Produzent gleichzeitig auch der Konsument ist. Sprechen ist der Tausch von Woertern. Alle Abstraktionen haben, ihrer Abstraktionsstufe entsprechend, so etwas wie einen Kurswert. "So ist unsere Sprache aufgebaut: 'Der Stein ist hart.' usw. Und diese Redeweise ist gut genug fuer den Marktplatz. 'Das ist eine neue Sorte.' 'Die Kartoffeln sind verfault.' 'Die Eier sind frisch.(9) Die Alltagssprache ist im geoehnlichen Umgang so nuetzlich, weil viele moegliche Unterscheidungen aus unmittelbar praktischen Gruenden nicht getroffen werden. Ein hoher Differenzierungsgrad braechte auch einen unnoetig hohen Grad an Entscheidungskriterien mit. Im Alltag sprechen wir deshalb schon vom selben Ding, wenn sich seine Eigenschaften nur in wenigen Punkten gleichen. Hieraus ergeben sich dann die Irrtuemer, die von BACON Trugbilder des Marktes (idola fori) genannt wurden.

Jede symbolische Sinnwelt ist potentiell problematisch. In der Sprache herrscht immer Mehrdeutigkeit. Gerade die Sprache oder die Sprachglaeubigkeit verhindert es, dass wir auf tiefer liegende Probleme aufmerksam werden. Wo verschiedene Dinge in einen Topf geworfen werden, entstehen aus Scheinbegriffen dann Scheinprobleme. Eine Verwirrung der logischen Typen geschieht gerade durch die Verwechslung des Individuums mit der Klasse. Die Aussage ueber ein Individuum und eine Aussage ueber eine Klasse gehoeren zwei verschiedenen logischen Typen an. Ohne eine solche Unterscheidung wird nur Unsinn produziert. Problembewusstsein ist eigentlich ein Bewusstsein ueber die Abstraktionsgrade des Denkens. Zu weit gefasste Verallgemeinerung der 'Realitaeten' schafft eigentlich immer mehr Probleme, als sie loest. Die Leute verwechseln, wie das Sprichwort weiss, Fisch und Fahrrad. Beides faengt mit F an, hat aber nichts miteinander zu tun.

Jedes Problem wird über Abstrahierung gestellt. Irrtuemer und Missverstaendnisse entstehen, weil zwei Menschen Begriffe gebrauchen, als haetten sie eine gemeinsame Bedeutung, jeder sich aber unter einem Begriff etwas anderes vorstellt. Jede Abstraktion ist ein Denkgebilde, das unter den Bedingungen einer gewollten Wirkung steht. Ob ein Ding oder eine Sache einem gemeinsamen Oberbegriff untergeordnet werden kann, ist ein geistiges Urteil und beruth auf Zweckmaessigkeit. Wir beurteilen alles in Hinblick auf einen bestimmten Zweck und nicht 'ansich'. Die Verwendung fuer einen bestimmten Begriff macht einen Begriff fuer uns bedeutend. Das Wort ist 'Form'. Nur die Form ist allgemein, die 'Bedeutung' dagegen ist individuell verschieden. Begriffe 'ansich' zu verwenden, um damit die Objektivitaet der Tatsachen zu begruenden, kann sozusagen als Hauptmerkmal ideologischer Manipulation betrachtet werden.

Wer an die Identitaet von Wort und Sache glaubt, gebraucht die Worte 'ansich.' Mit Begriffen oder neuen Definitionen werden Probleme aber nur scheinbar geloest. Das groesste Problem ist immer, dass wir uns das falsche Problem stellen. Es ist ein naiver Trugschluss, Wort und Sache gleichzusetzen. Jede objektive Loesung ist ein Irrtum auf Raten. Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis unvorhergesehene Tatsachen unsere Vorstellungen eingeholt haben.

Zeichen erhalten ihre Bedeutung immer erst in der Beziehung, in der sie auftreten. Die Woerter sind sowohl Zeichen, wie Traeger von Bedeutung.(10) Die 'logisch'-bedeutsame Unterscheidung zwischen dem Namen und der Sache wird dort nicht getroffen, wo die 'Idee', die einem Begriff zugrunde liegt, nicht vom 'Zeichen' getrennt wird, das ihr entsprechen soll. Das Bedeutende (Zeichen) und das Bedeutete (Inhalt) muessen aber logisch getrennt gehalten werden. Sinn und Wort sind immer zu unterscheiden. Der Unterschied von Zeichen und Bedeutung ist der des Wortes zum Gemeinten. Das blosse Wort ansich ist im Grunde nichtssagend. Die Postulierung von begrifflicher Allgemeinheit ist darum immer eine Taeuschung. Begriffe sind nur von ihrem Inhalt her sinnvoll, nicht von ihrer Form.

Die Konkretheit klassifizierender Verallgemeinerungen ist eine bloss scheinbare. Es sind gerade 'die' Begriffe, die uns am selbstverstaendlichsten erscheinen, welche uns den Weg zu tieferer Erkenntnis versperren. Die unkritische Verwendung der Sprache bringt uns oft dazu, Namen fuer gar nicht existierende Gegenstaende zu erfinden und diesen Gegenstaenden dann Realitaet zuzuschreiben. Wir sind immer versucht, in der bloss gedanklichen Existenz eines Wortes zugleich einen wirklichen Gegenstand zu sehen.

"Die meisten Menschen leiden an dieser geistigen Schwaeche, zu glauben, weil ein Wort da sei, muss es auch das Wort fuer etwas sein; weil ein Wort da sei, muss dem Worte etwas Wirkliches entsprechen."(11)

Der fiktive Charakter der Abstraktion laesst die Wortgebilde als Wirkliches erscheinen. Bloss weil es das Wort 'Materie' gibt, muss es auch so etwas wie eine Materie geben. Das Substantiv versucht zum Suchen nach einer Substanz.(12)

Unter 'Wortrealismus 'kann die Neigung verstanden werden, ueberall dort, wo die Sprache fuer etwas einen eigenen Namen hat, einen Wirklichkeitssachverhalt, bzw. ein reales Ding anzunehmen und das Wort fuer die Entsprechung desselben zu halten.

"Man sucht krampfhaft nach einem Etwas, das das Wort bezeichnen soll, man bevoelkert die Welt mit aetherischen Wesen, den schattenhaften Begleitern der Substantive. Typisch hierfuer sind die Worte 'das Sein, die Seele, das Ich', etc.; aber auch Verba gehoeren hierher, z.B. das Zeitwort 'existieren', das eine Art schattenhafte Taetigkeit zu bezeichnen scheint, die sich an jedem Dinge finden soll."(13)

Es ist der Irrtum der Realisten, Allgemeinbegriffe als Abbilder objektiver Wesenheiten aufzufassen, die eigentlich bloss allgemeine Bezeichnungen sind, die auf mehrere Gegenstaende angewendet werden. Allgemeingueltigkeit zu beanspruchen ist die Sache eines lexikalischen Pseudo-Wissens. Konkrete Bedeutung gibt es nur in einem aktuellen Bezugssystem. Es gibt keine allgemeingueltig-objektive Bedeutung. Eine solche wird allenfalls dogmatisch und autoritaer durchgesetzt. Jede 'objektive' Definition ist eine rationale, abstrakte Konstruktion. Fuer die Bestimmung der 'Bedeutung' eines Wortes dagegen ist der lebendige Zusammenhang in einer konkreten Situation ausschlaggebend. Die konkrete Bedeutung eines Wortes ist stets situationsbedingt.

Die Wirkung, die ein Wort erzielt, ist abhaengig vom Interesse, das wir fuer einen bestimmten Sachverhalt hegen. Die wirkliche Bedeutung der Worte liegt in den 'Ideen', die hinter einem Begriff stecken und im ' Wert', den sie fuer unseren praktischen Gebrauch haben. Worte sind praktische Erinnerungszeichen fuer Sinneseindruecke. Eine objektive Definition kann es nicht geben. Der 'Baum ansich' ist farblos, geruchlos, geschmacklos usw. Blosse Worte sind nichts Wirkliches. Worte sind Symbole und Symbole riechen nicht, laecheln nicht, bluten nicht, sie 'existieren' nicht. Alle Definitionen haben nur als Gebrauchsdefinitionen Bedeutung. Bedeutungen sind nichts abstraktes. Bedeutungen sind individuell verschieden und koennen nicht objektiv definiert werden.

In all unseren Beziehungen zu anderen Menschen und zu uns selbst, stehen die Erscheinungsformen unseres Bewusstseins im Mittelpunkt:' Denken, Fuehlen, Wollen'. Der gemeinsame Nenner dieser, nur in der Abstraktion getrennten Zustaende ist das, wovon wir 'denken', dass es Wert besitzt, wovon wir 'fuehlen', dass es einen Wert hat und das wir 'wollen', weil es fuer uns wertvoll ist. Von unserer Urteilskraft ist es abhaengig, inwieweit es uns gelingt, unser Wollen von unserem Denken, bzw. Fuehlen unterscheiden zu koennen. Das bloss logische und noch dazu automatisierte Denken in vorgeformten und nicht hinterfragten Begriffen, ist dazu nicht in der Lage. Alle Abstraktionen haben die Tendenz, uns ueber die Wirklichkeit zu taeuschen. Wir sind immer geneigt, das abstrakte Rechnen mit Woertern schon fuer die Wirklichkeit zu halten. Abstraktionen sind aber immer problematisch.

Worte fangen staendig etwas ein, das eigentlich viel komplexer ist. Worte trennen staendig und beschreiben jeden Vorgang und jeden Gegenstand 'ansich' und nicht exakt 'diesen' Gegenstand hier an diesem Ort und jetzt zu diesem Zeitpunkt. 'Ansich' sind die Dinge nur ueberhaupt vorhanden. Abstraktionen sind lediglich Namen, die geeignet sind, auf mehrere verschiedene Gegenstaende angewendet werden zu koennen. Sie tragen zur Erkenntnis der Wirklichkeit nichts wesentliches bei. Das Wort ist das 'Symbol' fuer die Idee, aber alle Symbole sind im Grunde willkuerlich und beruhen auf uebereinkunft. Wir koennten fuer die Dinge auch andere Woerter als Bezeichnung benuetzen. Wenn wir uns z.B. streiten oder wenn wir uns einigen, dann liegt das an den 'Ideen', die durch die Begriffe symbolisiert werden. Eine Idee ist das, was sie uns bedeutet. Was einem Menschen von Bedeutung ist, erfahren wir nur ueber ein Verstaendnis der ganzen Person, nicht durch eine Lexikon-Definition.

Jede geschaffene Analogiebildung ist kuenstlich und nicht naturgegeben. An die Objektivitaet der Dinge und Sprache glauben wir, aber dieser Glaube ist ein naiver Aberglaube. Was wir als Wirklichkeit sehen, ist im Grunde eine Illusion, wenn auch eine fuer pragmatische Zwecke nuetzliche und praktische Illusion. Alle Verben sind eine Zusammenfassung unter menschliche Zwecke. 'Was' und 'wie' etwas fuer uns existiert, ist abhaengig davon, 'wie' und 'warum' wir etwas bezeichnen. Es ist aber immer das 'Meinen', das einem Satz Sinn gibt und dieses Meinen ist etwas Seelisches, subjektiv. Die fragwuerdige Nuetzlichkeit abstrakter Begriffe liegt in ihrer psychologischen Wirksamkeit. Die Lehre von der Analogie gehoert deshalb in die Psychologie und nicht in die Logik. Die Frage, welche Vorstellung jemand hat, wenn er ein Wort verwendet, ist bewusstseinsabhaengig, d.h. subjektiv.

Jedes Ding und jeder Vorgang erhaelt seine Bedeutung durch seine Beziehung zu uns und unseren Interessen. Ausserhalb eines persoenlichen Zusammenhangs, in dem wir zu einem Begriff stehen, ist jedes Wort immer vieldeutig. Eine gute Definition ist situationsgetreu, d.h. situationsbezogen. Eine objektive, d.h. dogmatische Definition, schwebt im luftleeren Raum und ist beliebig interpretierbar, was ihr jedoch bei vielen unkritischen Menschen viel Popularitaet verschafft. Theorien beruhen hauptsaechlich auf der Technik, die gerade relevanten Merkmale fuer die jeweilige Denkschule zu vereinfachen oder zu ignorieren. Viele sogenannten Geheimnisse der Wissenschaft koennten auf den unkritischen Gebrauch der Sprache zurueckgefuehrt werden. "Das Hoechste waere zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie ist."(14)

Literatur: Laurent Verycken, Formen der Wirklichkeit - Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg, 1994


anarchie

Jemanden überzeugen zu wollen bedeutet den Versuch, Einsichten durch bessere Argumente zu schaffen. Wo sich jemand 'partout' nicht überzeugen läßt, müssen wir das wohl hinnehmen und unser eigenes Verhalten darauf abstellen. Letzte Überzeugungen sind keiner Kritik mehr zugänglich. Wirkliche Extreme können nicht miteinander verwechselt werden, eben weil es wirkliche Extreme sind. Der Gegensatz von Sein und Sollen wird niemals aufgehoben, aber wer sagt denn, daß wir uns bei Meinungsverschiedenheiten immer gleich umbringen müssen.

Wir Menschen sind nicht nur verschieden, sondern wir leben auch in verschiedenen Welten. Im anarchistischen Relativismus kann darum jede Ansicht sowohl als 'falsch', als auch als 'richtig' erscheinen. Niemand kann seine Überzeugung beweisen. Alles, was von einem Standpunkt aus bejaht wird, kann von einem anderen aus verneint werden.

"Die Sprache der Liebe ist im Nest der Nachtigall süßer Gesang, wie in der Höhle des Löwen Gebrüll, im Forste des Wildes wiehernde Brunst, und im Winkel der Katze Zetergeschrei; jede Gattung redet die ihrige, nicht für den Menschen, sondern für sich."(14)

Es gibt viele Welten: die Welt des Märchens, die Welt der Wissenschaft, die Welt der Kunst und jede dieser Welten hat ihre eigene Rationalität.

"Ein Schuh wird in gewissen Beziehungen am besten vom Schuhmacher beurteilt, in anderen von dem, der ihn trägt, und wieder in anderen vom Anatomen und vom Maler und Bildhauer."(15)

Es sind mehrere geschlossene und logisch gleichwertige, aber einander widersprechende 'normative' Ordnungen möglich, zwischen denen wir uns letztlich nur durch einen Willensentschluß entscheiden können. "Es kann nicht viele Welten geben" ist nur eine Umformung des Satzes "Es gibt nur 'eine' Wahrheit" oder "Es gibt nur einen Gott." 'Wirklichkeit' ist ein Wert, so wie 'Vernunft' oder 'Gott' W e r t e sind. Werte und Interessen können immer divergieren und zu Streitfragen werden.



sublabyrinthe

fritz mauthner-gesellschaft der sprachkritiker: führt zu einem exzellenten netz-knoten